Einblick UND #10

Wo Reibung ist

Über den Anschein des Privaten, Veränderung durch Wärme, öffentliche Bewegungs-un-freiheiten und warum das Fundament des Feminismus immer noch fragil ist. Ein Gespräch mit der Tiroler Künstlerin Katharina Cibulka.

Interview mit Katharina Cibulka, illustriert von Stefanie Sargnagel
UND #10 Raum_ordnung, Mai 2021

Dieser Beitrag wurde auch bei Kreativland Tirol veröffentlich.

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Katharina Cibulka ist Künstlerin, Filmemacherin und Projektentwicklerin // setzt sich in ihrer künstlerischen Arbeit mit Feminismus, sozialer Gerechtigkeit, Gemeinschaftlichkeit und der Rolle  der Kunst selbst auseinander //  katharina-cibulka.com

 

UND — Um etwas pauschal zu beginnen: Was ist die Funktion von Kunst im öffentlichen Raum?
KATHARINA CIBULKA — Meist findet man Kunst in Museen, die wiederum nur von bestimmten Menschen besucht werden. Von daher übernimmt sie im öffentlichen Raum die Funktion, Kunst aus einem geschützten, elitären, musealen Raum hinaus in die Öffentlichkeit zu tragen und somit frei zugänglich zu machen. Also auch denjenigen näherzubringen, die sonst überhaupt keinen oder nur sehr wenig Zugang zu Kunst haben.
UND — Das heißt dann im Umkehrschluss aber nicht, dass Kunst im öffentlichen Raum »einfach« sein muss oder so etwas wie ein Schmuckelement?
KC — Nein. Kann sie sein, doch inzwischen wird Kunst im öffentlichen Raum immer konzeptioneller und politischer. Und regt im besten Fall Diskurse an.
UND — Also Auseinandersetzung.
KC — Genau, Auseinandersetzung. Ein Nachdenken darüber, was man sieht und warum es an diesem Ort ist.
UND — Bekommst du als Künstlerin die Reaktionen der Menschen mit?
KC — Das hängt vom künstlerischen Projekt ab. Und natürlich vom Ort, an dem diese Kunst stattfindet.
UND — Dann möchte ich diese Frage ganz konkret auf dein SOLANGE-Projekt beziehen und auf den Dom in der Innsbrucker Altstadt, der mit folgendem Spruch bestickt war: »Solange Gott einen Bart hat, bin ich Feminist.« Wie waren damals die Reaktionen der Menschen?

KC — Der Spruch am Dom hat natürlich sehr viele Diskussionen ausgelöst. Vor allem Religionsdiskussionen. Und das ist für mich der größte Erfolg: wenn diskutiert wird, und das generationenübergreifend. Wenn Jung und Alt im Austausch sind und bestenfalls zueinanderfinden. Feminismus ist immer noch ein Tabuthema, besonders in Tirol. Da ist das Wort »Feminist*in« allein schon ein Unwort. Dass ich damit ganz gezielt Diskussionen auslösen möchte, liegt auf der Hand. Denn nur wenn diskutiert wird, wenn es Reibung gibt, dann gibt es Wärme. Und erst durch Wärme kann sich etwas verändern.
UND — Veränderung in der Wahrnehmung und bestenfalls im Handeln?
KC — Darauf will ich natürlich hinaus.
UND — Und traditionelle, weiblich konnotierte Kreuzstiche auf großen Baustellennetzen in einer absoluten Männerdomäne, der Bauindustrie, soll diese Reibung noch erhöhen?
KC — Das SOLANGE-Projekt hat damit angefangen, dass ich mein ganzes Umfeld gefragt habe, ob Feminismus überhaupt noch notwendig ist. Es gibt zwar viele erwachsene Frauen, und auch Männer, die sich für Gleichberechtigung einsetzen. Aber ich beobachte, dass gerade die Jugendlichen, so wie ich früher auch, das Gefühl haben, dass eigentlich Gleichberechtigung schon erreicht ist. Nachdem ich dann Mutter wurde, stellte ich schnell fest, dass wir im Grunde immer noch weit davon entfernt sind, und habe diese Umfrage gestartet. Ich bekam unzählige interessante und aufwühlende Antworten. Ich überlegte, was ich nun mit diesen Antworten machen sollte, eine Arbeit fürs Museum oder etwas mit Graffiti … Und dann stand ich plötzlich vor einer Baustelle und dachte mir, …
UND — … genau das ist es.
KC — … genau dort gehört es hin. Baustellen sind nämlich nur eingerüstet, solange etwas im Umbruch, in Bewegung ist. Sie implizieren Finalität. Und die SOLANGE-Sprüche tun dies auch.
UND — Das heißt, irgendwann gibt es Geschlechterparität?
KC — Ja. Im Jahr 2278. Laut einer aktuellen Studie.
UND — Dann haben Feminist*innen ja noch ein wenig Zeit zu kämpfen?
KC — Leider leben wir in einer Welt, in der der Begriff »Feminismus« nach wie vor negativ besetzt ist. Ich bin all den Feminist*innen der Vergangenheit sehr dankbar für ihren Einsatz. Deshalb stehe ich heute hier, darf arbeiten, Auto fahren und einigermaßen selbstbestimmt leben … Es ist mir ein großes Bedürfnis, die sperrigen Begriffe »Gender Equality« und »Diversität« mit positiver Energie aufzuladen und den oft negativ konnotierten Begriff »Feminismus« mit viel Feingefühl und Humor neu zu besetzen und zu zeigen: Hey, da geht es nur um Gleichberechtigung und Augenhöhe – und ich setze mich dafür ein. Davon profitieren ja schließlich alle, davon bin ich überzeugt.
UND — Nehmen wir zum Beispiel die #metoo-Bewegung, die hingegen ganz klar auf einer Täter-Opfer-Logik basiert.
KC — Ja. Ich aber sehe den viel größeren Gewinn in einer Annäherung der Geschlechter.
UND — #metoo fiel ungefähr in den gleichen Zeitraum wie der Start des SOLANGE-Projekts. Das war 2017, stimmt das?
KC — Ja, das war ein glücklicher Zufall.
UND — Wieso glücklich?
KC — Feminismus war mit #metoo plötzlich wieder »in«. Und »Frauenthemen« in aller Munde. Das hat dem SOLANGE-Projekt natürlich sehr geholfen. Ich konnte gleich zu Beginn eine große Öffentlichkeit erreichen. Und genau das habe ich anfangs unterschätzt: was für eine riesige Öffentlichkeit eigentlich zu erreichen ist. Vor Ort und auch medial.
UND — Bis jetzt sprechen wir vom öffentlichen Raum, als wäre das etwas ganz Eindeutiges: Öffentlicher Raum definiert als Stadtraum, öffentlicher Raum definiert als medialer Raum. Kann man das überhaupt so klar definieren?
KC — Ich nehme Räume eher als etwas Bewegliches wahr, als Zwischenräume, nicht ganz klar privat, nicht ganz klar öffentlich. Ein Hybrid. Wobei soziale Medien das enorm verändern, weil plötzlich jede*r im virtuellen Raum alles darf, jede*r alles macht. Und es keine Möglichkeit gibt, Beiträge zu löschen.
Wir kennen die Differenzierung zwischen öffentlich und privat schon aus der Antike. In manchen Ländern hat sich das bis heute so gehalten. Da war der öffentliche Raum der aktive, der politische Raum. Und Männer haben Politik gemacht, Frauen nicht, sie waren zu Hause. Jetzt mit Corona geschieht übrigens wieder etwas Ähnliches: Frauen sind vermehrt wieder mit Carework beschäftigt.
UND — Stimmt, die Pandemiesituation drängt Frauen vermehrt in private Räume. Und bestimmt damit weibliches und männliches Handeln in Räumen generell. Oder?
KC — Könnte man so sagen. Umso mehr, denke ich mir, braucht es gerade jetzt riesengroße SOLANGE-Netze in der Öffentlichkeit. Um zu zeigen: Wir sind da, wir lassen uns nicht wieder zurückdrängen, wir wollen faire Verteilung und Augenhöhe auf allen Ebenen. Andererseits kann der private Raum auch ein sicherer Raum sein.
UND — Inwiefern?
KC — Frauen sind im öffentlichen Raum bedrohter als Männer. Es ist immer noch ein Raum, in dem sich Frauen nicht absolut frei und ohne Angst bewegen können.
UND — Damit bindet sich die Differenzierung öffentlich/privat sowohl an tatsächliche, geografische Räume als auch an das Handeln innerhalb dieser Räume. Das würde die Frage, ob Räume Handeln vorgeben oder ob Handeln Räume erschafft, mit »sowohl … als auch« beantworten.
KC — Ja, und das innerhalb verschwimmender Grenzen. Oder besser gesagt: Dadurch verschwimmen ja erst die Grenzen …
UND — … und wir bewegen uns in einem hybriden öffentlich-privaten Raum, der alles gleichzeitig zu sein scheint.
KC — Der vor allem eines ist: gefährlich und undurchsichtig. Das sieht man jetzt gerade wieder am Gebrauch der neuen Medien: Sexismus ist wieder en vogue, Rassismus, Hatespeech, Fake News …
UND — Ist man auf Social Media auf gewisse Art und Weise geschützt, weil man da anonym auftreten kann?
KC — Kann man. Aber das ist im Grunde nur eine scheinbare Anonymität, da man immer herausfinden kann, woher welche Stimmen kommen. Von daher sind Social Media nur unter Anführungszeichen etwas Privates. Eigentlich sind sie ganz und gar nicht privat.
UND — Was ich mich gerade frage, ist, ob auf Social Media das Private zur Schau gestellt oder für eine Öffentlichkeit inszeniert wird.
KC — Das frage ich mich auch.
UND — Dann bleibt diese Frage ungeklärt. Zumindest hier und jetzt.
KC — So ist es. •

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